Mit „Hanseat“ zu den äußeren Hebriden
Autor Jan Evermann
 


„Eines Tages“ sagte er „das verspreche ich dir auch wenn du von Versprechungen nichts hältst, eines Tages segeln wir zusammen zu den äußeren Hebriden. Nur du und ich.“
McDuff „Der Keltische Ring“ von Björn Larsson


Zeilen, die anstecken, die faszinieren können. Ein Versprechen, das auch wir uns gegeben- und gehalten haben.
Aber zurück zum Anfang. Es begann im Jahre 2000 im September. Ich lag mit einem Beinbruch im Klinikum, als mir ein Kommilitone das Buch „Der keltische Ring“ schenkte. „Ich dachte, Du interessierst Dich fürs Segeln, da könnte das doch passen... " so sagte er- ich habe das Buch schlicht inhaliert!
Drei Jahre später, ich hatte inzwischen eine liebe Freundin gefunden, beschloß ich, in das Land des „Keltischen Rings“ zu reisen, um dort einen Teil meines PJ als Medizinstudent abzuleisten. Leider erhielt ich aus Schottland und Irland nur Absagen. Auf einem Verbandsaktiventreffen erfuhr ich von einem Kieler ASVer, dass er in Stornoway auf der nördlichsten Insel der äußeren Hebriden famuliert hatte und dass es dort auch PJler gegeben hatte. Zwei Anrufe und ein Fax später hatte ich meinen Praktikumsplatz in Stornoway von Mitte November 02 bis Mitte Januar 03. Ich hatte dort eine großartige und beeindruckende Zeit. Die Landschaft war atemberaubend- selbst im unwirtlichen schottischen Winter.
Gute Freunde kamen mich besuchen und meine Freundin Steffi. Und als wir am Neujahrstag 2003 den Quiraing erklettert hatten sagte sie zu mir: „ Hier ist es so schön. Könnten wir nicht mal HIERHER SEGELN?“ Meine Antwort kam prompt:„SPINNST DU?“ „Naja- wenn wir „Hanseat“ besser ausrüsten würden...?“ „....HMMMPFFFF...! Esistzuweitundzugefährlichundzukompliziertunddauertvielzulangundisteinfachverrückt undundund.......und überhaupt!“ Zum besseren Verstehen des Gespräch`s ein Bild mit Etappenpunkten.

Dreieinhalb Jahre später, am 02. Juni stehen wir, frisch verheiratet, vor „Hanseat“. Ein Glück! Das Sprayhood ist noch rechtzeitig fertig geworden! Der Segelmacher muß eine Nachtschicht eingelegt haben. Auf Steffi’s vorsichtige Anfrage einen Tag vor Abfahrt, wie weit das Sprayhood sei, kam die Gegenfrage: „Welche Farbe wolltet Ihr doch gleich?“. Das Boot liegt so tief im Wasser, dass der Wasserpaß gut zwei Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegt. Kein Wunder bei den Massen an Vorräten und Ausrüstung, die wir in den letzten Tagen gebunkert haben. Kistenweise Mineralwasser, Bier, Wein, Schnaps, Konserven, Klamotten, Beiboot, Außenbordmotor, Rettungsinsel, Bücher, Seekarten etc.VorratNachdem wir den letzten Frischproviant verstaut, noch zwei 10 Liter- Kanister Diesel von der Tankstelle geholt und Frischwasser gebunkert haben, binden wir um 21.30h feierlich los. Kaum jemand schenkt „Hanseat“, unserer Bavaria 30, Beachtung, als wir aus dem Hafenbecken tuckern- schließlich könnten wir an diesem Pfingstwochenende genauso gut auf dem Weg nach Lauterbach sein oder nur zum Ankerplatz bei Ludwigsburg. Unsere Geleitboote des ASV sind zum größten Teil wohl schon in Stralsund angekommen. Arne müsste mit seiner „Luv“ und seiner dreiköpfigen Crew noch irgendwo im Strelasund unterwegs sein. Da uns nur ein leichter Wind aus dem Sund entgegenkommt, beschließen wir, die Maschine erstmal laufen zu lassen- und tun dies auch für den Rest des Tages. Gegen Mitternacht sichten wir den Nachzügler im Bereich der Glewitzer Fähre. Um 02.15h erreichen wir die Deviner Bucht, von der aus die Ziegelgrabenbrücke in Stralsund bereits zu sehen ist. Dort legen wir uns mit „Luv“ an unserer Seite vor Anker. Wir bereiten noch für alle Grog und Kakao mit Schuß, da wir ziemlich durchgefroren sind.
Am nächsten Morgen sprüht mir Nieselregen ins Gesicht, als ich an Deck gehe- schon ein kleiner Vorgeschmack auf den „Scottish Mist“? Um 09.00h gehen wir mit „Luv“ im Schlepp durch die Brücke und treffen den Rest der ASV- Flottilie: Indigo, Diabolo, Swing, Stubber,

und ein Folkeboot. Mehr können wir in dem Riesenpulk wartender Yachten nicht erkennen. Von einer Pier sammeln wir Steffis Trauzeugin, Babs, auf, die uns bis Hiddensee Gesellschaft leisten wird. Wir legen hinter der Brücke an der Pier an und widmen uns einem ausgiebigen Frühstück zu zehnt in unserem Salon mit den Crews von „Luv“ und „Stubber“ (Raum ist in der kleinsten Hütte). Später rauschen wir bei 5-6 Bft aus W nach Vitte auf Hiddensee. Als wir gegen 15.00h dort festmachen, brennt bei einigen Crews bereits der Grill. Wir schließen uns an und genießen noch einmal das Gefühl, in vertrauter Runde zu sitzen, da uns jetzt für fast drei Monate kein bekanntes Gesicht mehr begegnen wird. Umso gespannter sind wir allerdings, was für Menschen wir in dieser selbst gewählten Einsamkeit begegnen werden, die uns jetzt bevorsteht und welche Motive sie dorthin getrieben hat. Am Pfingstsonntag machen wir noch mit den anderen einen Rundgang um den Dornbusch, und nachdem sich die ASV- Flotte in Richtung Stralsund aus unserem Blick verloren hat, sind wir allein. Ein verrückter Gedanke, für die nächsten 21/2 Monate absolute Narrenfreiheit zu haben. Genauso gut könnten wir spontan umdrehen und uns in der nördlichen Ostsee herumdrücken- es wäre völlig egal. Aber unser Ziel steht fest. Wir wollen nach Schottland und das möglichst zügig.
Also sammeln wir am Abend unsere Kräfte für den Sprung nach Dänemark. Am Pfingstmontag um 12.00h geht’s los. Leider erwartet uns draußen eine Dünung aus West und schwacher Wind schräg von vorne. Mit sagenhaften 2 Kn. dümpeln wir allmählich nach Norden. Obwohl es ein sonniger Tag ist, tragen wir Ölzeug, Skiunterwäsche, Schals und Mützen wegen der Kälte. In der Ferne ziehen mehrere schwere Gewitter durch- eines davon dürfte den Strelasund in ein Inferno verwandeln. Wir hoffen, dass unsere Freunde es noch rechtzeitig bis nach Hause geschafft haben- und dass uns nicht noch eines davon erwischt.
Gegen Abend hat sich alles wieder beruhigt und wir ziehen mit ca. 3-4 Kn. dem Öresund entgegen. Wir teilen uns die Wachen ein, montieren die Strecktaue und passieren nach nur kurzer Dunkelheit bei Sonnenaufgang Mön. Zwar wollen wir zügig vorankommen- aber den Öresund bei Nacht wollen wir uns nicht gleich am Anfang antun. Also entscheiden wir uns, am Abend, nach Dragör zu gehen- bezeichnenderweise der Ausgangshafen des „Keltischen Ringes“. Kurz vor der Einfahrt taucht der Paravan der Schleppangel auf- gibt’s heut frischen Fisch zum Abendessen? Ein Lachs! Klar bei Pfanne! Es gibt gebratene Lachskoteletts. Wirklich spannend ist der Hafen nicht- außer dass wir bei einem Spaziergang Björn Larssons altes Folkeboot entdecken- die „Skum“. Er hat zumindest Spuren hinterlassen. Am nächsten Tag kommen wir bei mitlaufendem Strom gut voran. Wenn möglich, wollen wir Gilleleje erreichen, doch daraus wird nichts! Vor Helsingör benutzt Steffi die Maschine, um einer Fähre auszuweichen- und sie geht nach nicht einmal 2 Minuten einfach aus! Ich stürze mich mit dem Werkzeugkasten auf sie- die Maschine! Sie lässt sich zwar wieder in Gang bringen, doch oberhalb 1500U/min ist nach spätestens einer Minute Schluß. Laut Hafenhandbuch gibt es in Helsingör, dem nächstgelegenen Hafen, einen Reparaturservice- nichts wie hin. Wir wollen die Maschine in Ordnung bringen lassen, solange uns noch ein dichtes Netz von Werkstätten zur Verfügung steht. Nach der Ankunft stellen wir zufrieden fest, daß es sich sogar um einen Volvo- Service handelt. Donnerstag früh stehe ich im Laden, beschreibe unser Problem, unsere bisher ergriffenen Massnahmen und bitte darum, daß sich ein Mechaniker den Motor anschauen möge. "We have no Time- too much work" lautet die Antwort. Man gibt uns einige Tips und wir laborieren noch den ganzen Tag herum, tauschen diese Dichtung und jenen Filter- jedoch ohne Erfolg. Wir haben über zwei Monate Zeit, so daß wir uns diesen einen Tag Zwangspause ruhig leisten können. Am nächsten Tag wird der Mechaniker sicher Zeit für uns haben- so glauben wir.Maschinenschaden Auch am nächsten Tag ist vom VP- "Service" keine Hilfe zu bekommen- und das am Freitag! Inzwischen haben wir in wachsender Verzweiflung nach ca. 30X Entlüften nicht weniger als 3 Entlüftungsschrauben abgebrochen, das zugehörige Gewinde ausgenudelt, die Förderpumpe aus- und eingebaut, sowie 2 Zewa- Rollen verbraucht, um die ca. 1,5 Liter Diesel wieder aus der Bilge zu entfernen etc. Mangels Ersatzentlüftungschrauben hat der Motor seinen Betrieb inzwischen ganz eingestellt. Das ganze Schiff stinkt nach Diesel – und dann noch diese elende Gammelei! Am Wochenende ist an Hilfe schon gar nicht zu denken, so daß wir uns schließlich unter Segel auf den Weg nach Gilleleje machen, wo es noch echte dänische Dieselschrauber geben soll. Die schmucken schwarzen Uniformen und die sauberen Fingernägel der Mechaniker in Helsingör hätten uns schon eher eine Warnung sein müssen. Unsere erste Schleppbuddel geht somit für das Schleppen aus dem Hafen drauf. Nach anfangs gutem Südwind schläft dieser bald darauf ein und wir schleppen uns mit dem Dinghy längsseits und dem 3-PS Außenborder um Mitternacht und bei völliger Flaute nach Gilleleje. Da wir das Wochenende verständlicherweise noch warten müssen, begutachten wir die „Stornoway“ das neue Schiff Björn Larssons, das ebenfalls in Gilleleje liegt.
Am Montag morgen steht schließlich ein blonder, stämmiger, ölverschmierter dänischer Dieselschrauber mit Jeanslatzhose vor „Hanseat“.
Er ersetzt eine Einspritzdüse, repariert das defekte Gewinde der Entlüftungsschraube und wir können nach Begleichen einer etwas schmerzhaften Rechnung, die wir vorsichtshalber lieber nicht in Euro umrechnen mögen, gegen Mittag in Richtung Hals im Limfjord auslaufen. Der Seewetterbericht treibt uns zu Eile, denn wir haben gegen Abend mit 5 Bft. Aus NW zu rechnen- und genau da müssen wir hin. Der Schlag übers Kattegatt zeigt uns die Ostsee noch einmal von ihrer besten Seite. Mit 4- 5 Kn ziehen wir bei strahlendem Sonnenschein dahin und genießen die Vorzüge unseres Autopiloten . Als wir gegen 20h Grenaa erreichen, schlägt der Wind um. Zu Beginn von Steffis Wache, gegen 22h legen wir das 2. Reff ein und knüppeln gegenan. Meine Freiwache währt nur bis 01h. Viel Verkehr und der bei kurzer, steiler See überforderte Autopilot machen es erforderlich, dass ich den gemütlich warmen Schlafsack verlasse. Der Leuchtturm Hals ist zwar schon seit Stunden in Sicht, aber wir kommen ihm selbst nach zweistündigem Gebolze kaum näher! Ein Blick in die Karte zeigt, dass wir aus dem Limfjord etwa 2 Knoten Strom gegenan haben. Keine Chance, das unter Segeln zu schaffen, also Maschine an- und bei 1500 U/min schwächelt sie schon wieder! Das Grundproblem ist also immer noch nicht beseitigt. So kreuzen wir unter Maschine und Segeln und schaffen so zumindest eine Annäherung von 1,5 Kn über Grund. Als am Eingang zum Fjord der Seegang nachlässt, können wir auf die Segel verzichten und direkten Kurs nehmen.
Nachmittags um 15h laufen wir schließlich ziemlich geschafft in Hals ein und machen längsseit an der Hafenmauer vor der Box eines Oldtimers fest. Wir essen noch ein Krabbenbrötchen und fallen so, wie wir auf den Salonbänken sitzen, in tiefe Bewusstlosigkeit- in vollen Klamotten. Wie soll das nur auf der Nordsee werden, wenn wir mal wegen so ein „bisschen“ Gegenanknüppeln eine Nacht keinen Schlaf bekommen? Als wir um 19.30h wieder zu uns kommen, hat sich unser Liegeplatz verändert. Eigenartig! Das Stromkabel führte doch nach vorn zur Steckdose- jetzt ist die Dose fast hinter uns. Der Oldtimer, dessen Box wir im Tran blockiert hatten, ist weg. Man hat uns verholt, ohne dass wir etwas davon gemerkt hätten. Wahrscheinlich hat man uns durch die offenen(!) Luken gesehen, gerufen und geklopft- und hat uns nicht wachbekommen. Da es uns nicht empfehlenswert erscheint, im Dunkeln durch den Limfjord zu fahren, und der Wind morgen ohnehin auf Ost drehen soll, bleiben wir noch die Nacht und brechen nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Vormittag auf.
Platt vor dem Laken und mit 1,5 Kn. mitlaufendem Strom geht es nach Aalborg, wo wir gerade rechtzeitig für die Brückenöffnungszeit kommen und einen Blick auf die berühmte „Spritfabrikker“, die Heimat des „Jubi“ erhaschen. Der Limfjord entbehrt bis hierher jeglicher landschaftlicher Reize, für die er so oft gepriesen wird. Industrieanlagen, Kräne und Öllager prägen das Bild. Erst als wir am Abend unseren Ankerplatz erreichen, ist die Umgebung etwas beschaulicher und erinnert etwas an das Hiddenseefahrwasser. Und noch etwas erinnert uns daran- „Verdammt- wird das hier flach!“ „ Sind wir denn noch drin?“ „ Wo ist denn die nächste Tonne?“ „Gehört diese Gefahrentonne, die da ca.100m außerhalb des Tonnenstriches liegt, zum Fahrwasser dazu- müssen wir da ‚rum?!“ Ein vor uns im Tonnenstrich laufendes Boot gibt uns durch plötzliches Aufstoppen und Hektik an Bord die Antwort: Jawohl- wir müssen wohl um die Tonne herum!
Am nächsten Tag gehen wir um 08h Anker auf . Wir wollen Zeit aufholen, die wir mit der Reparatur verschenkt haben. Da der Wind im Laufe des Tages wieder auf SW dreht müssen wir ab nachmittags wieder unter Maschine laufen. Augen für die sich jetzt zeigende, deutlich schönere Landschaft, haben wir nicht. Wir wollen nach Thyborön, um auf den Absprung zu warten- so schnell wie möglich. An der letzten Brücke vor der Seenlandschaft begegnen wir noch einem Seehund, der uns neugierig beäugt. Im letzten Abendlich erkennen wir gerade noch die Skyline von Thyborön: Fabrikschlote! Und kurz bevor wir den Hafen erreichen riechen wir sie auch schon. Das kann ja heiter werden! ThyborönUnter Thyborön hatte ich mir zwar einen großen Fischereihafen vorgestellt, aber keinen Industriekoloss! Björn Larsson hat über diesen Hafen auch nur über sich brechende Wellen an Steinmolen geschrieben, über den Rest hat er sich ausgeschwiegen. Wir wissen jetzt auch, warum! Da für Yachten nur ein kleiner Teil des Hafenbeckens freigehalen wird, legen wir uns ins Päckchen neben eine große Englische Yacht, die am Tag zuvor über die Nordsee gekommen war. Sie waren wegen Flaute fast den ganzen Weg unter Maschine gelaufen. Der erste mittelfristige Seewetterbericht, den wir jetzt täglich zweimal über RTTY abrufen sagt zwar für die nächsten vier Tage günstiges Wetter voraus, doch wünsche ich mir ein Zeitfenster von fünf Tagen, was sich nachträglich als etwas übertrieben herausstellen sollte. Also ist zunächst wieder einmal Gammeln angesagt.
Da es in Thyborön bereits einen Tidenhub von sage und schreibe 40cm gibt, beginnen wir, mit Kreidestrichen an der Kaimauer die Berechnung der Tiden einmal in der Praxis zu üben, was in den Wintermonaten auf dem Trockenen einfach nicht gelingen wollte. Hier, die Kontrolle an der Kaimauer vor Augen, gelingt es anstandslos. Die „Attraktion“ Von Thyborön ist eine Bonkeranlage aus dem 2. Weltkrieg, die sich über einen Küstenstreifen von etwa zwei Kilometern erstreckt. Auch das „Rettungsmuseum“ ist schnell besichtigt, so dass uns nach zwei Tagen auswärtiger Unterhaltung nur noch unsere Bücher und DVDs bleiben. Bücher können einen auch in einem hässlichen Hafen gut von der trostlosen Umgebung ablenken. Als jedoch der Wind auf SW dreht, liegen wir in Lee einer Proteinfabrik. Der Gestank kriecht zu uns in die Koje und weckt uns früh um 05h- und bleibt uns mehrere Tage erhalten! In jedem Hafen gibt sie- die „Müllecke“, jenen Ort, an dem sich sämtliche schwimmfähigen Abfälle des Hafens, vom Wind getrieben, versammeln. Dieser Haufen aus Öl, Plastiktüten, PE-Flaschen, Joghurtbechern, Fischkadavern und ähnlich begehrenswerten Dingen, hat sich zu allem Überfluß ausgerechnet unsere Ecke ausgesucht, was das Bild absoluter Trostlosigkeit abrundet. Als sich dann auch noch am Wochenende die Jugend am Hafen trifft, um sich gegenseitig ihre frisierten Mopeds vorzuführen, ist es auch mit der Ruhe vorbei. Nie wieder Thyborön, soviel ist sicher! Als weiteres Problem stellt sich die Beschaffung von Treibstoff heraus, der ja in einem Fischereihafen ausreichend vorhanden sein sollte. Auf Nachfrage an einer Seetankstelle schüttelt der Mann mit dem Kopf. Der Diesel sei nur für Fischerboote. Ich erzähle von unserer bevorstehenden Nordseequerung, und dass unser Tank nur halbvoll sei und dass wir uns auf ein ausreichendes Angebot an Diesel in Thyborön eingestellt hätten. Der Mann bittet mich, zu warten und führt ein Telefongespräch. Dann fahren wir im Pickup zu einem Tankschiff. Er legt ein Papier in die Tankuhr ein und füllt Diesel vom Nutztank des Schiffes in den eigenen Tank um. Dann holt er leere Hydraulikölkanister und befüllt diese mit insgesamt etwa 50 Litern, und wir verladen sie auf den Pickup. Endlich kapiere ich: Der Diesel ist subventioniert- daher auch die grüne Färbung! Er kann ihn mir nicht so ohne weiteres verkaufen. Also zweigt er bei der Betankung des eigenen Schiffes etwas ab- und ich wundere mich noch über den günstigen Preis! Nachdem wir insgesamt 150 Liter Diesel an Bord haben, bezahle ich, drücke dem Mann noch eine Flasche Trollinger in die Hand und das Treibstoffproblem ist gelöst. Auch acht Tage Gammelei gehen einmal zu Ende.
Nachdem einige Tiefs nebst Ausläufer und Trögen durchgezogen sind, ist eine Wetterberuhigung in Sicht. Sofort rufe ich den Wetterdienst Hamburg an und bestelle einen individuellen Streckenwetterbericht für den nächsten Morgen per Fax in eine Art Kiosk.
Am Abend ist unsere Stimmung irgendwo zwischen berauscht, feierlich und besorgt. Wird es klargehen? 350 sm freier Seeraum liegen vor uns- mindestens drei Tage. Kein Hafen, kein Ankerplatz zum verduften, wenn es hart wird.
Um 10h laufen wir aus. Der Mann von der Seetankstelle winkt uns noch zu. Es steht noch eine Dühnung aus SW, die durch den auslaufenden Strom kurz und hackig wird, das verliert sich jedoch mit zunehmender Distanz zur Küste. Um 14h ist Thyborön, hoffentlich für immer, hinter der Kimm verschwunden. Da wir mindestens 4 Kn. Fahrt machen wollen, zum Segeln aber zuwenig Wind ist, laufen wir unter Maschine. Sportliches Dümpeln können wir in der Dänischen Wieck betreiben- hier gilt es, anzukommen. Die Nacht verläuft ohne besondere Vorkommnisse, am nächsten Tag sind wir wieder unter Segeln, putzmunter und genießen den Sonnenschein bei Tee, Keksen und Pfeife an Deck. So kann es bleiben! freiwacheAm Nachmittag nähert sich ein größeres Motorboot mit blauem Rumpf und dem „Union Jack“ am Heck. Es sieht wie ein Zollboot oder die Küstenwache aus. Mir fällt ein, dass man weder Pflanzenteile noch irgendwelche Fleischprodukte nach Großbritannien einführen darf. Dabei fällt mein Blick auf die ersten grünen Blättchen unserer keimenden Kresse und meine Gedanken wandern weiter zu unseren unzähligen Fleischkonserven sowie den beiden im Salon frei hängenden riesigen Salamis. Das Motorboot, das mir auf den zweiten Blick für ein behördliches Fahrzeug so weit draußen doch zu klein erscheint, fährt einen weiten Bogen um uns herum und entschwindet am Horizont. Abends brist es auf 5 Bft aus N auf. Während ihrer Wache legt Steffi das 2. Reff ein, da der Wind weiter zunimmt. Als ich um 02h an Deck erscheine, ist es reichlich ungemütlich geworden. Um uns herum leuchtet roter Feuerschein von den Ölplattformen- irgendwie unwirklich. Ganz allmählich nimmt der Wind wieder ab- Schlaf ist wieder möglich. Wetterinformationen haben wir seit dem Auslaufen keine mehr bekommen. Der Seewetterbericht des Deutschlandfunks erstreckt sich nicht bis ins Seegebiet Cromarty und weder die Schottische Küstenwache noch Navtex sind in Reichweite. Daher können wir uns die ungemütliche Nacht nicht erklären. Steffi schlägt vor, statt nach Fraserburg, den Kurs auf Peterhead abzusetzen, da Fraserburg sich als schottisches „Thyborön“ herausstellen könnte- und von großen Fischereihäfen haben wir vorerst genug.etappenpunkte
Um 13h entschwindet die letzte Ölplattform unseren Blicken. Delphine spielen um uns im Wasser und wirken als zuverlässiger Stimmungsaufheller. Endlich erspähen wir im Abenddunst Rattray Head! Die schottische Küste ist in Sicht. Um 22h stehen wir vor Peterhead. peterheadEs wird noch einmal spannend. Alle einlaufenden Fahrzeuge müssen sich per UKW anmelden. Ich habe allerdings noch nie die Sendetaste unserer Anlage betätigt. Mit etwas Schweiß auf der Stirn tue ich es- und man versteht mich! Wir können zwar nicht alles verstehen, was uns gesagt wird und ich muß mehrfach nachfragen, doch am Ende geht alles seinen Gang und wir sind um 23h in Peterhead fest. Leider können wir dieses Ereignis nicht an Land begießen, da der Hafen mit Stacheldraht abgezäunt ist. Also fließt der Whisky im Salon! Nach einem Tag Pause, erkundige ich mich wegen der Weiterfahrt bei einer Yacht, die eine Schottischen und einer Schweizer Flagge trägt, nach der richtigen Tide, um nach Norden zu segeln- und werde prompt mit Steffi zum Whisky eingeladen. Unsere Gastgeber sind Hans aus der Schweiz und Alfi aus Schottland. steffiAuch sie wollen am folgenden Tag in den Firth laufen und empfehlen uns einen Hafen, der laut Seehandbuch zu flach für uns ist. Dies bezieht sich aber nur auf das Einlaufen- tief genug ist der Hafen schon. Wir können ihn nur 2h vor bis 2h nach HW anlaufen. Als wichtigsten Tip rät er uns :“Always ask the locals!“ Das werden wir beherzigen! Am nächsten Tag laufen wir noch lange parallel, bis sie nach Whitehills verschwinden, während wir einen großen Sprung nach Lossiemouth machen wollen. Wir kommen gerade noch rechtzeitig 11/2h nach HW, um noch einlaufen zu können. Kaum sind wir bei 3m Tiefe im Hafen fest, als das Wasser schnell soweit sinkt, bis wir gerade noch 30cm unter dem Kiel haben. Auch wenn der Ort den Anschein eines idyllischen Fischerdorfes macht, so ist es damit vorbei, als der erste Militärjet in etwa 300m den Hafen überfliegt- diesem Manöver folgen noch etwa 40 weitere, bis um 21h schließlich Ruhe einkehrt. Da wir beim Einlaufen im Hafen viele Krebskörbe sehen, mache ich mich am nächsten Tag auf den Weg, um zwei Taschenkrebse für unterwegs zu bekommen. Der erste schottische Fischer, dem ich begegne schenkt mir zwei. Sie passen kaum beide in die Pütz, die ich ins Cockpit stelle, um schnell noch im Dorf Remoulade zu kaufen. Der Umgang mit Taschenkrebsen war mir schon als Kind von Reisen nach Frankreich vertraut- Steffi dagegen fühlt sich unbehaglich, als sie plötzlich allein mit den Biestern im Cockpit konfrontiert ist- zudem unternimmt einer von beiden noch einen Fluchtversuch! Als ich kurz darauf ohne Remoulade wiederkomme, fange ich den einen Krebs wieder ein und wir müssen auch schon auslaufen, da sich das Zeitfenster um HW herum bald schließt. Wir haben viel Zeit, die Fort Georg Narrows zu erreichen, eine Meerenge vor Inverness, da wir dort erst um 22h mitlaufenden Strom erwarten können. Vorher begleiten uns Schulen von bis zu 20 Delfinen, die mit „Hanseat“ sogar auf Tuchfühlung gehen. Als wir um Punkt 22h die Enge Erreichen, kippt der Strom und trägt uns bis Inverness. Kurz vor der Hafeneinfahrt müssen wir noch einmal aufpassen, da die Rinne bis über die Baken hinaus versandet ist.inverness Kurz nach Mitternacht sind wir im Hafen „Longman Yacht Haven“ fest. Was uns passiert wäre, wenn wir nicht auf den Sand aufgepasst hätten, demonstriert uns am nächsten Morgen ein Holländer, der zwischen Rinne und Baken hoch und trocken auf der Seite liegt. Nach dem Besuch eines Waschsalons und dem Kauf von Lebensmitteln und Ausrüstung legen wir um 15.00h ab, um in den Kaledonischen Kanal eingeschleust zu werden. Unter der Brücke vor der Hafeneinfahrt bietet sich uns Ostseeseglern ein besonderes Schauspiel: Eddies. Bei Einlaufendem Strom von etwa 2 Kn und Wind von 7 Bft gegenan steht hier eine See von 30cm- und jede einzelne Welle bricht sich. Das Wasser scheint geradezu zu kochen. Irgendwie sind wir froh, als wir den Kanal erreichen und in der Schleuse liegen. Auch das Schleusen erweist sich als unproblematisch, innerhalb von nur zwei Stufen haben wir uns aufeinander eingespielt.
In der nächsten Schleuse klopft man uns auf die Schulter:“You Germans are going to win the Worldchampionship!“ - Ach richtig- es ist ja WM. Haben wir völlig vergessen. Nur während der sieben Tage Kanalfahrt bewegt uns ab und zu die Frage: „Werden wir Weltmeister- oder wird die Nationalelf versagen?“ Wir geben uns einen Ruck und gehen abends in den Pub zum Fußballgucken. Der Pub ist im 1. Stock und wirkt eher wie ein großes Wohnzimmer. Hier kommen wir mit der Crew der „Augusta“ aus Hamburg ins Gespräch und verbringen einen netten Abend im Pub und an Bord. Wir erfahren von einem verschwiegenen Ankerplatz im Loch Ness, der hinter einer kleinen Insel liegt- Cherry Island- ein Geheimtipp! Erst früh um 03h fallen wir in die Koje. Entsprechend kommen wir erst spät am nächsten Tag aus den Federn und schaffen erst die Schleuse um 14h. Ursprünglich wollten wir die „Augusta“ im Loch Ness bei Cherry Island treffen- das ist aber nicht mehr zu schaffen. Außerdem weht der Wind aus Ost, so dass mir ein Ankerplatz am Ostufer deutlich lieber ist. Entgegen der Warnungen von Steffis Mutter ankern wir über Nacht im Loch. loch nessDas Wasser sieht hier tatsächlich schwarz aus, was an den vielen Schwebteilchen im Moorwasser liegt- und das Echolot zeigt unergründliche Tiefen. Als wir Loch Ness entlangfahren und uns die Düsternis förmlich überfallen will, hören wir plötzlich einen Dudelsack! O.K. Wir sind verrückt geworden! Laß uns irgendwo anlegen und Whisky trinken- vielleicht werden wir dann wieder normal! Aber der Piper ist klar und deutlich zu hören. Und dann habe ich ihn im Glas. Oben am Hang an einer Landstraße steht ein Piper völlig allein in der Gegend und spielt- das kann einem auch nur in Schottland passieren!
Gegen Mittag erreichen wir Fort Augustus mit mehreren Schleusen und- den geheimen Ankerplatz hinter Cherry Island, das vor lauter Booten kaum zu erkennen ist. Soviel also zum Geheimtip. Während des Schleusens kommen mehrere Busladungen mit Touristen, die uns so interessiert zuschauen, dass die Schleusenwärter sie vom Rand des Schleusenbeckens scheuchen müssen. Es fehlt nur noch ein Schild: „ Do not feed the animals!“.
Noch zwei Schleusen und eine Brücke, dann ist Feierabend. Der Kanal hat nach 18h geschlossen. Wir liegen einsam und allein vor einer Schleuse mitten in den Highlands.im kanal Das Wetter ist für schottische Verhältnisse mit 17°C äußerst warm- die Schotten sprechen von einer Hitzewelle, von Midges werden wir bisher verschont.
Am nächsten Tag machen wir Halt bei Invergarry Castle- die Ruine selbst ist abgesperrt wegen Einsturzgefahr. Sicher alles nur Tarnung, damit das von Björn Larsson beschriebene Separatistennest nicht entdeckt wird. Am Abend liegen wir in Banavie, vor den 8 Schleusen, die Neptune’s Staircase bilden. Am Abend gehen wir ins Pub, um „unsere“ Jungs im Viertelfinale anzufeuern. Wir registrieren, dass die Schotten das Spiel mit viel Wohlwollen für die Deutsche Mannschaft verfolgen- zu bejubeln gibt es für uns am Ende bekanntermaßen nichts! Da geht man extra ins Pub und dann fliegt die eigene Mannschaft bei der WM raus.
Tags darauf wird geschleust- achtmal hintereinander. Was am Anfang neu und spannend war, wird allmählich etwas lästig, zumal es bei der Talfahrt nicht viel neues zu bestaunen gibt, und man jedes Mal, wenn man sich die Umgebung anschauen möchte, wieder im Schacht versinkt. Unten angekommen, machten wir an einem alten Schlepper fest und tüftelten bereits an der Route für morgen, um uns wieder an die Gezeiten zu gewöhnen.tidenrechnung
Nachdem wir Diesel gebunkert haben, legen wir uns nach Passieren der letzten Schleuse an einen Steg zum Frühstücken und machen uns auf den Weg nach Dunstaffnage Bay. Wir Laufen zunächst Loch Linnhe entlang, zur von Steffi berechneten Zeit durch die Corran Narrows nach Lismore Island. Unterwegs sichten wir das als Castle Aaaargh! bekannte Stalker Castle aus dem Phyton- Film.Das Festmachen in Dunstaffnage Bay gestaltet sich wegen einer kreisförmigen Strömung im Hafen schwierig, aber wir genießen den Comfort eines Schwimmsteges, solange wir ihn noch haben. Am nächsten Morgen haben wir kein Bargeld mehr- und der nächste Geldautomat ist in Oban. Für den Bus reicht es noch, also fahren wir nach Oban, holen Geld, gehen ins Kino, besichtigen die Destillerie und kommen abends wieder.Dunst Ein weiterer Pausentag wird genutzt, um das Castle Dunstaffnage zu besichtigen und um unerlaubterweise Wäsche zu waschen. Als wir am Abend die Liegegebühr begleichen, erleben wir zwei Überraschungen: 1.Der Hafenmeister war 32 Jahre als Soldat in Herford, Steffis Heimatstadt, kennt dort jede Straße und spricht fließend deutsch. 2. Er verlangt in fließendem deutsch für drei Übernachtungen 54£!
Morgens laufen wir in den Sound of Mull ein, um nach Tobermory zu kommen, was das Segelzentrum in Schottland sein soll. Bei durchwachsenem Wetter kommen wir gut voran, passieren einen kleinen Eddy und schließen uns einem ganzen Pulk von Yachten an, die es offensichtlich in denselben Hafen zieht. Außer dass der Hafen voll und die Häuser bunt sind, ist nichts besonderes zu entdecken. tobermoryWir machen dreist an einer privaten Mooring fest und hoffen, dass kein Besitzer kommt, und dass sie hält. Um uns herum verpatzte Ankermanöver, gefählich nah aneinander schwojende Boote, Briten, Holländer, Franzosen und Amerikaner. Deutsche Boote haben wir seit dem Kanal keine mehr gesichtet. Abends gehe ich mit dem Dinghy an Land, um das WM- Finale zu sehen. Da uns das Segelzentrum dann doch nicht so beeindruckt, segeln wir am nächsten Morgen los, runden bei zunehmendem Wind aus SW Ardnamuchan Point und setzen Kurs auf die Hebrideninseln Rhum und Canna ab.Rhum Letztlich entscheiden wir uns für Canna, da sie als einer der besten Ankerplätze an der Westküste gilt und in Rhum vor Fallböen bei Starkwind gewarnt wird. Außerdem, so das Handbuch, sei Canna bekannt für seine „...white sandy beaches...“. Als wir bei SW 6-7 zwischen beiden Inseln durchfahren, um zu unserem Ankerplatz zu gelangen, sichten wir noch einen 3-4m langen Delfin dicht am Boot, der aber keinen sehr verspielten Eindruck macht. Er scheint auch keine Luft holen zu müssen wie seine Kameraden aus der Nordsee und sein Kopf ist nicht so rundlich sondern eher kantig und flach - und seine Schwanzflosse steht senkrecht im Wasser. Der erste Hai, den wir in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen!
In der Bucht von Canna liegen bereits 6 Boote vor Anker und wir müssen tief in die Bucht hinein, um noch Platz zu finden. Als wir etwas später den Seewetterbericht empfangen, wird uns beiden mulmig: SW5-6 möglicherweise 8-9 Bft! Sofort wird der Ankeralarm des Echolotes und der GPS- Alarm geschärft. Wir legen uns angezogen im Schlafsack in den Salon. Alle paar Minuten piept ein blinder Ankeralarm los, während draußen das Inferno hereinbricht. „Hanseat“ ruckt, das Rigg vibriert und jault, wie wir es noch nie gehört haben. Immer wieder plagt uns die Frage: hält das der Anker? Er hält. Als um 05h der Wind weniger wird, schlafen wir wie die Steine. Nachmittags setzen wir mit dem Beiboot an Land über und schauen uns etwas um. Wir entdecken einen Tearoom, der leider geschlossen ist, eine Art Campingplatz, ein Postamt in einem Gartenschuppen und- eine Phonebox! Da es auf der Insel kein Funknetz gibt, rufe ich sofort Ulrich an, einen Freund, der diesen Teil der Reise von Deutschland aus verfolgt und überwacht. Die „white sandy beaches“ finden wir nach etwa einer Stunde Fußweg- und es ist nur einer, nicht einmal groß. Zurück an Bord, erfahren wir im Wetterbericht, dass auch die kommende Nacht alles andere als ruhig wird. Die Nacht verläuft exakt wie jene zuvor. Wir wundern uns, ob die Crews auf den anderen Booten sich genauso in die Hosen machen wie wir. Überhaupt, fällt uns auf, sooft wir an Deck kommen, um nach dem rechten zu sehen, nie bekommen wir an Bord der anderen Boote jemanden zu Gesicht. Wahrscheinlich ist das Wetter hier normal und die Leute kümmern sich nicht mehr drum. Um 05h nimmt der Wind wieder ab und dreht etwas nach W- und mal wieder piept ein Ankeralarm- und diesmal ist er echt! Auf dem GPS- Bildschirm zieht „Hanseat“ eine Linie hinter sich her, der Anker schliert! Noch bevor irgendeine Maßnahme ergriffen ist, hat der Anker wieder gefasst. Steffi, die nach meinem Warnruf nach oben geeilt ist, bleibt noch einen Moment im Cockpit, während ich mich wieder hinlege. In diesem Moment beginnt auf dem Südteil der Insel ein markerschütterndes Heulen und Jaulen, was aus der dortigen Kirche zu kommen scheint. Es hört sich an, als wären sämtliche schottischen Geister dort eingeschlossen. Da es noch etwas dämmrig ist, wirkt das Szenario noch unheimlicher. Erst bei Helligkeit stellt sich als Urheber ein Seehund heraus, der vor der Kirche am Strand liegt.canna
Als letztes Boot verlassen wir gegen 12h die Bucht, nachdem wir den Anker aus einem Riesenklumpen Seetang herausgepuhlt haben und nehmen Kurs auf die Isle of Skye. Da der Wind noch immer mit 7 Bft. Bläst, laufen wir erst nur unter Fock, dann z.T. vor Topp und Takel in Richtung Loch Dunvegan. Da die Insel Skye im Sommer voller Touristen ist, bevorzugen wir einen Ankerplatz zwischen zwei Inseln, die seit 150 Jahren nicht mehr bewohnt sind. mainhouseDort gibt es nur Schafe und Ruinen von „Blackhouses“ und einem Main House, dem einzigen ehemals mehrstöckigen Gebäude auf der Insel. Im Handbuch steht, dass im Mainhouse vor 300 Jahren zwei Familien auf heimtückische Weise von einem Großgrundbesitzer ausgelöscht worden sind, da er ihr Land auch noch besitzen wollte. Als Steffi im Dunkeln noch mal an Deck geht, glaubt sie Licht in der Ruine zu sehen. Sehr schnell verschwindet sie in die Koje...mainhousezoom Mit dem Beiboot gehen wir am nächsten Morgen an Land. Was in Deutschland undenkbar wäre- hier ist es ganz normal- wir betreten und erkunden eine unbewohnte Insel und sind hier ganz alleine. Zuhause hätte uns längst ein gelbes „Eulenschild“ mit der Aufschrift:“Naturschutzgebiet- Alles verboten!“, oder ein eifriger Naturschützer des Strandes verwiesen. Irgendwie sind die Briten zu beneiden.
Wir durchstreifen die Insel, picknicken unterwegs mit Oatcakes und Cheddar, und fühlen uns Columbus nahe. isayDie Nachteile solcher Abgeschiedenheit bade ich am nächsten Morgen im wahrsten Sinne des Wortes aus. Seit Dunstaffnage Bay hatten wir keine Dusche mehr gesehen. Während Steffi die Körperreinigung mit einer Schüssel warmen Wassers vollzieht, erledige ich das mit Seewasserseife und der Badeleiter außenbords. Als ich später noch eine Runde allein über die Insel mache, höre ich unser Nebelhorn und eile zurück zum Beiboot- es gibt wohl ein Problem an Bord. Während meiner Abwesenheit hat der Wind gedreht und „Hanseat“ schwojt gefährlich nahe an einem Felsen, während Steffi ihn bereits unter Maschine von diesem Hindernis freihält. Es nützt nichts- der Anker muß verlegt werden. Da es schon beim ersten Manöver schwierig war, einen geeigneten Platz zu finden, müssen wir diesmal den Anker von „Akka“ Lehmann als Reitgewicht abfieren, um unseren Mangel an Kette auszugleichen. So können wir noch eine zweite Nacht bei „unserer“ Insel verbringen.
Als wir am nächsten Tag aufbrechen, um unser „Ziel“ anzusteuern, zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite. Sonnenschein und leichter Wind vermitteln das Gefühl, in der Dänischen Südsee unterwegs zu sein- nur die schroffen Felsen der Äußeren Hebriden mögen nicht recht dazu passen. Auch zwingt uns ein Gegenstrom im North Minch, zeitweise die Maschine zu benutzen, da wir es sonst bis Stornoway nicht schaffen würden. Ein Blick zurück zu Isle of Skye lässt im Fernglas deutlich den Quiraing erkennen- jene Felsformation, wo vor 31/2 Jahren die Idee von dieser Reise geboren wurde. Als wir den uns wohlbekannten Hafen erreichen, müssen wir ins Päckchen gehen, da ein „Maritime Festival“ als auch das von uns erhoffte „Hebridian Celtic Festival“ viele Boote angelockt hat. stornowayAm nächsten Tag sind wir das innerste Boot eines neuen Päckchens geworden. Neben uns liegt ein Franzose aus St.Malo und außen ein Norweger. Der Schottische Hafenmeister erscheint und möchte Länge, Breite und Namen der Boote wissen. Aufgrund des starken schottischen Akzents versteht ihn der Franzose nicht, und erzählt ihm mit für Schottische Ohren vermutlich ebenso schwer verständlichem Kauderwelsch vom Wetter, das während seiner Reise herrschte. Wie so oft in solchen Situationen im Päckchen ist nicht nur Springtide von gut 3,5m sondern auch noch Starkwind angekündigt. Es werden alle Fender ausgebracht, die wir haben, eine am Kai herumliegende Planke wird als zusätzliches Fenderbrett montiert und der außen liegende Norweger gibt uns noch zwei seiner Fender dazu. Wir können „Hanseat“ also nicht lange allein lassen, freuen uns aber, ausreichend lange Festmacher dabei zu haben. Unsere Einkäufe müssen wir am Tampen zu „Hanseat“ hinunterlassen und das Anbordgehen wird alle 6h zu einer Kletterpartie über von Algen glitschige Balken. ebbeebbeMit einem Mietwagen machen wir einen kurzen Ausflug zu den „Calanish Stones“ einem Steinkreis, in dessen Nähe wir eine kleine Strickwerkstatt kennen. Dort decken wir uns mit warmen Pullovern aus Harris- Wolle ein, aus der sonst der berühmte Harris- Tweed hergestellt wird. Am Abend besorgen wir uns Karten für das Festival und genießen die Mixtur aus Keltisch- traditioneller Musik und Pop in vollen Zügen. Das böse Erwachen kommt jedoch in der Nacht, als ich gegen 03h aufstehe, um die Festmacher zu kontrollieren. „Hanseat“ hat sich an den Leinen aufgehängt. Dabei wurden durch die Springs die schützenden Fender angehoben und der nackte Rumpf liegt jetzt auf dem Holz des Kais! Autsch! Ich hätte 1h früher aufstehen müssen, um den großflächigen Kratzer im Gelcoat zu verhindern. Hinterher ist man immer schlauer. Und ein weiteres Problem haben wir noch: Um für die Rückfahrt einen kürzeren Sprung nach Norwegen machen zu können, haben wir von Inverness aus Norwegische Seekarten nach Stornoway bestellt- und die sind nicht da. Als wir im Supermarkt den Skipper der außenliegenden Norwegischen Yacht mit seiner Frau treffen, sprechen wir ihn an- und können unser Glück im Unglück kaum fassen. Er kommt aus Nordnorwegen, will dorthin zurück und benötigt daher seine Karten für den Süden nicht und wird sie uns ausleihen. Abends sind wir auf seine “Mirrie Dancer“ eingeladen: „...for coffee/tea...“, wie es auf seiner sehr noblen Einladungskarte heißt. Wir lernen die beiden näher kennen und der Coffee/Tea verwandelt sich schnell in 12 Jahre alte Getränke Schottischen Ursprungs. „Wenn sich die Leute von den Orkneys mit Shetlandern treffen,“ so erzählt der Mitte 70 jährige ehemalige Schulleiter, „dann trinken sie erstmal eine Flasche Whisky- to calibrate the language“. Er entpuppt sich als geborener Geschichtenerzähler und es wird ein Abend für viele lange und spannende Geschichten. Wir sind wieder einmal erstaunt, wie einfach das Segeln riesige Generationsunterschiede und Sprachbarrieren einfach verschwinden lässt. Da er schon seit 30 Jahren in Schottland segelt, fragen wir ihn, ob er uns Tipps für die Passage des „Pentland Firth“ geben kann. Der „Pentland Firth“ ist eine Meerenge zwischen Schottland und den Orkneys, die für sehr starke Gezeitenströme berüchtigt ist. Sein Tip lautet: „Do me a favour- don’t do it!” Also decken wir uns mit Seekarten für die Orkneys ein und werden uns durch die Inseln schlängeln, da hier die Strömung nicht ganz so stark sein soll, wie im Firth. Als wir am Tag vor der Abfahrt das Seehandbuch studieren, um uns mit den kommenden Schwierigkeiten vertraut zu machen, kommen uns doch leise Bedenken. Der erste Satz des Kapitels lautet: „ The north coast of Scotland is not a place for the faint- hearted and inexperienced!” Na gut- so ganz ahnungslos sind wir jetzt nicht mehr- außerdem werden wir die „Mirrie Dancer“ in der Nähe haben, die an diesem Tag denselben Kurs segelt. Da Stornoway Wendepunkt und Ziel unserer Reise gewesen ist, legen wir wehmütig am nächsten Morgen gemeinsam mit Kjell und Jorunn, den Norwegern, ab, im Wissen, jetzt wieder nach Hause zu segeln. Laut Seewetterbericht soll es leichten bis mäßigen Wind aus SE geben und fogpatches- Nebelfelder. Zunächst kommen wir bei Strom mit und den prophezeiten 3 Bft. gut voran, was sich jedoch ändert, als gegen Mittag fast bleierne Flaute herrscht. Da wir unsere Freunde dennoch am Horizont entschwinden sehen, starten auch wir den Motor, da wir
140 sm zu bewältigen haben. Am Nachmittag können wir wieder die Segel benutzen, doch wir müssen jetzt hoch am Wind laufen, um die Einfahrt nach Kirkwall erreichen zu können. Im aufkommenden Nebel können wir noch Cape Wrath entdecken, und werden dabei von der Atlantikdühnung auf- und niedergehoben wie in einem Fahrstuhl.CapeWrath Die einzelnen Seen sind wegen ihrer Länge von etwa 50m kaum zu erkennen. Als wir gegen 03.00h das zweite Reff einlegen müssen, beginne ich ernsthaft, am Britischen Met- Office zu zweifeln. Was soll man von Vorhersagen wie: SE 3-4, möglicherweise 5-6, vielleicht auch zeitweise 7-8 halten?! Mittlerweile bin ich mir sicher: Das Britische Met- Office hat wahrscheinlich nicht nur die Spanische Armada auf dem Gewissen- es hat durch ungenaue Vorhersagen den Weg Großbritanniens zur Seemacht wohl überhaupt erst ermöglicht! Wir stecken jedenfalls bei
7 Bft. von vorn in einem riesigen fogpatch, der ganz Schottland einzuhüllen scheint. Mehr als eine Bootslänge ist rundherum nicht zu sehen. Also gehe ich unter Deck und bastle mir den Funkspruch zurecht: „Securité...securité...securité...this is SY Hanseat...“ Nachdem ich die Sprechtaste logelassen habe, höre ich abgehackt eine Antwort der „Mirrie Dancer“, kann aber keinen Kontakt aufnehmen. Als es wieder hell wird, versuche ich, mich während Steffis Wache kurz hinzulegen, wenigstens um wieder warm zu werden. Sie protestiert zwar, sie würde allein im Cockpit einschlafen, aber ich muß ausruhen, da uns noch die Passage durch die Inseln bevorsteht- dafür muß wieder fit sein. Als ich eine halbe Stunde später wieder im Cockpit auftauche, finde ich Steffi, die Wange an die Großschot gelehnt, schlafend. Es führen zwei Wege zwischen den Inseln nach Kirkwall. Nachdem wir die Breite der Einfahrten, die Stärke der zu erwartenden Strömungen und die Zahl der gefährlichen Steine abgeglichen haben, entscheiden wir uns, durch die nördliche, breitere Einfahrt nach Kirwall zu laufen. Dennoch kreuzen wir noch gut 11/2 Stunden unter zweimal gerefftem Groß und Maschine vor der Einfahrt, bis der Strom kippt und uns den Weg ins innere der Orkneys freimacht. Während ich mich bemühe, „Hanseat“ so gut wie möglich gegenan zu steuern, liest Steffi jede Minute unsere Position ab und überprüft unsere Route auf Hindernisse. Wie ein lebendiger Kartenplotter dirigiert sie mich um Felsen und Eddies immer weiter nach Luv, was mit zunehmendem Strom von hinten auch immer besser gelingt. Am frühen Nachmittag schwenken wir auf die Zielgerade ein: Südkurs zwischen zwei Skerries durch und bis 17.00h geradeaus. Als wir, wie im Traum, den Hafen Kirkwall erreichen, beginnt es sich dort zu regen. Viele Gesichter wenden sich uns zu und es kommt Bewegung in die Leute in der nagelneuen Marina. Acht Segler versammeln sich an der Pier, genau an der Stelle, auf die wir zulaufen. Viele Hände fassen nach unseren Leinen und machen sie fest. Allmählich wird uns klar: Wer um diese Zeit hier ankommt, kann nur aus Stornoway gekommen sein. Und den Reiseverlauf konnte wohl jeder an unseren Gesichtern ablesen. Vielleicht hat auch der eine oder andere mein Gespräch mit Kirkwall Harbour mitgehört, als ich anfragte, ob es bei 6 Bft. Wind gegen die Strömung empfehlenswert sei, in den Westray Firth einzulaufen.kirkwall
Bevor wir Richtung Dusche taumeln, deckt uns der freundliche Hafenmeister noch mit einem Stapel Broschüren ein. Anschließend stärken wir uns mit Fish& Chips und genehmigen uns einen ausgiebigen Anleger. Kurz bevor ich bewusstlos in die Koje falle, treffe ich noch Kjell von der „Mirrie Dancer“, die schräg gegenüber am Steg liegt.. Er hatte draußen meinen Securité- Spruch gehört und mich gerufen, aber keinen Kontakt bekommen. „Good to see you in harbour“ ist sein Kommentar zur Überfahrt von Stornoway. Er hat sich mit seinem RADAR durch die südliche Einfahrt getastet und liegt schon seit Stunden hier.
Wir verbringen noch ein paar Tage und Abende mit Kjell und Jorunn an Bord und im Segelclub Kirkwall. Beim Anblick der bequemen Sessel und der mächtigen Bar kommt etwas Neid auf, als ich an unseren sterilen Seminarraum im Bootshaus und den etwas spartanischen Kommunikationsraum in der Bootshalle denke.
Am zweiten Tag in Kirkwall erweist sich Kjell als Fremdenführer, der uns mit einem gemieteten Auto die Insel mit ihren Sehenswürdigkeiten zeigt. Wir schlendern durch kleine Fischerdörfer, kriechen mit Taschenlampen in alten, unterirdischen Keltengräbern umher und erfahren alles über die Wracks von Scapa Flow.
Am 24.07., knapp vier Wochen bevor wir zuhause sein müssen, lassen wir in gedrückter Stimmung Schottland und die Orkneys hinter uns. Unsere Norwegischen Freunde sind schon am Tag zuvor zu den Shetlands aufgebrochen, während wir sämtliche Supermärkte nach typisch Britischen Lebensmitteln geplündert haben. Am Ende ist die Vorschiffskoje voll mit Twinings Tee, riesigen Walker’s Chipstüten in den sonderbarsten Geschmacksrichtungen, Oatcakes, Shortbread, Pudding, Custard, Marmite, Brown- und HP- Sauce.
Kurz vor der Abfahrt bei E- laufendem Strom gehen wir noch einmal Fish & Chips essen und benutzen dieses eine Mal auch die Essigflasche. Um 19.00h bekommen wir noch ordentlich Rückenwind durch die Strömung, doch als diese sich mit dem Abstand zur Küste verliert, ist es auch mit dem Wind vorbei. Es bleibt nichts anderes übrig: Die Maschine muß laufen- und das tut sie mit nur kurzer Unterbrechung bis Norwegen. Also wird für die Freiwache das Oropax ausgepackt und vorbei geht es an bizarr erleuchteten Ölplattformen.oelplattform Es ist verboten, sich ihnen auf weniger als 500m zu nähern, so dass wir nervös werden, als wir zwei Exemplare dicht an dicht genau voraus ausmachen. Dazwischen ist nie und nimmer genug Platz für zwei mal 500m. Aber je dichter wir den Ungetümen kommen, desto weiter rücken sie auseinander, und am Ende haben wir 5sm auf jeder Seite Platz. Die gewaltigen Ausmaße dieser Anlagen kann man auf See nur erahnen. Am Morgen des übernächsten Tages sichte ich gegen Ende meiner Wache die ersten Schären Norwegens. Ich erwische genau den richtigen Augenblick kurz vor dem Verlöschen der Leuchtfeuer, um in den Egersund einzubiegen. Steffi lasse ich schlafen, bis ich kurz vor dem anvisierten Liegeplatz bin.norwegen Es ist 05.00h früh als wir uns nach den Duschen umsehen und feststellen, dass allein das Betreten der Duschräume Norwegische Münzen erfordert, die wir natürlich nicht haben. Durch Nachfrage in einem Hotel erfahren wir den Standort des nächsten Geldautomaten, und lassen den Tag mit Waschen, Duschen und Erholung vorüberziehen. Da der Hafen von bewaldeten Hügeln umgeben ist, liegt der Duft von Kiefernharz in der Luft und zum ersten mal auf unserer Reise fällt uns auf, dass Sommer ist- und dass wegen der vielen Wollpullover und der Skiunterwäsche und der Mützen kein Platz für leichte Sommerkleidung gewesen ist- und das bei 28°C!
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